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Mittwoch, 08. August 2012

Wer heutzutage im Berufsleben steht und gelegentlich Statistiken oder gar Präsentationen erstellen muss, der weiß: In den Unterlagen finden sich zu den verkauften Weihnachtsmännern oder Osterhasen alle erdenklichen Details, über die sich ermitteln lässt, ob die kleinen Roten oder die dicken Goldfarbenen mehr Umsatz gebracht haben, wieviel mehr Quengelware ab einer Verweildauer von drei Minuten in der Kassenschlange abverkauft wird und welche Kassiererin die meisten Lebkuchen über den Scanner geschoben hat. Das ist alles hochinteressant für den Azubi, der noch lernt, wie ein Supermarkt funktioniert.
All dieser Kleinkram interessiert aber den “Executive” in der Konzernzentrale nicht im Entferntesten. Der will wissen, wieviel Umsatz die Filiale in den letzten vier Wochen gemacht hat, wie die Quote per Verkaufs-Quadratmeter ist und welche Produktgruppen den höchsten Deckungsbeitrag dazu geleistet haben. Dafür gibt es die “executive version” des Berichts bzw. der Präsentation.

Bei den Strickerinnen ist es ähnlich.
Es gibt die Anfänger und Detailverliebten, die vor dem Anschlagen ihres Spüllappens erst noch jede Masche persönlich kennenlernen möchten, möglichst mit einem Video, das auch im ausgedruckten zwanzigseitigen PDF ohne Ruckeln abläuft. Das lassen sie sich auch gern ordentlich etwas kosten, solange sie nur das Gefühl haben, dass ihnen auch nicht das kleinste unwichtige Informationsbröckchen vorenthalten wird.

Und es gibt auch in Strickerkreisen die “executives”, die es knapp und klar bevorzugen. Sie können zwischen den Zeilen lesen und sich weggelassene Details selbständig hinzudenken. Sie können nicht nur ohne Zuhilfenahme eines Videos eine Masche wie zum Rechtsstricken abheben, sondern auch Strickmuster von flach auf rund und umgekehrt umsetzen und noch diverse weitere Kunststücke. Im Zweifelsfall reicht ihnen als “Anleitung” ein Schnitt-Diagramm, ein Muster-Diagramm und ein paar Fakten wie Material, Menge und Maschenprobe. Solche Anleitungen gab es übrigens vor 30 Jahren in fast jeder deutschen Strickzeitschrift. Sie nahmen meist weniger als eine halbe Seite ein, und man konnte fabelhaft, platzsparend und problemlos danach stricken. Auch Anfängerinnen strickten so, und mit Erfolg.

Was aber das Wunderbarste ist: Auch die moderne Strickerin kann lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Heißluft-Humbug einfach wegzulassen. Macht Euch unabhängig von zwanzigseitigen Anleitungen! Mit etwas Selbstvertrauen und ein klein wenig Übung reduziert Ihr überkomplizierte Bläh-Anleitungen auf die zwei Seiten, die wirklich darin stecken. Überlegt nur mal, wieviel Strickzeit Ihr hinzugewinnt, wenn Ihr vor dem Anschlagen achtzehn Seiten weniger durchlesen müsst. Es lohnt sich!

Und Ihr, liebe Strick-Designerinnen, die Ihr so stolz auf Eure zwanzigseitige Spüllappen-Anleitung nebst Video seid: Wollt Ihr Euch nicht einmal darauf besinnen, dass nicht alle Strickerinnen hirnamputiert sind, dass auch die unerfahrenste Anfängerin Fortschritte im Interpretieren von Anleitungen machen kann, wenn man sie nur lässt, und dass weniger oft mehr ist? Lasst doch versuchsweise mal die Blümchen, die Herzchen und die Dreifach-Erklärungen über siebzehn Seiten weg und ermuntert Eure Kundinnen, ihr integriertes Logik-Modul ruhig mal in Betrieb zu nehmen. Es funktioniert hervorragend und von Tag zu Tag (und von Anleitung zu Anleitung) besser, vorausgesetzt es wird nicht ständig von wohlmeinenden Anleitungsschreibern gestutzt, die Strickerinnen einen IQ vergleichbar mit dem einer Scheibe alten Zwiebacks unterstellen.

Kommentare

Hach, das war jetzt aber mal wunderbar zu Lesen

Schön, Kerstin, bedauerlich nur, dass genau dieser Personenkreis das leider nicht lesen wird ... denn es müssen ja Blümeleins, Herzen und Erklärungen gestaltet werden ... da bleibt für sonst Nix mehr Zeit ...

Nette Grüße,
SannA

Geschrieben von SannA am Mittwoch, 08. August 2012 23:04

love(1)

Geschrieben von LanaLinum am Mittwoch, 08. August 2012 23:57

Danke für den Blog, das Gefühl hatte ich auch schon oft in letzter Zeit.

Geschrieben von Petra am Donnerstag, 09. August 2012 14:57

Hallo Kerstin,
klasse einfach klasse geschrieben, Du sprichst mir aus der Seele.

LG Ramona

Geschrieben von Ramona am Donnerstag, 09. August 2012 21:33

einfach nur wunderbar und spricht mir total aus dem Herzen. Demnächst gibts bestimmt noch Anleitungen, wie man besagte 20 seitige Strickanleitung zu lesen hat
liebe Grüße
Ingrid

Geschrieben von Ingrid am Freitag, 10. August 2012 10:02

Kerstin, besser hätte ich es nicht ausdrücken können!
Ich habe im Stricktagebuch auch schon häufiger über Anleitungen abgelästert, bei denen die Seitenzahl mit epischer Beschreibung von Banalitäten aufgeplüscht werden, bekam aber oft böse Zuschriften, das wohl nicht jeder ein Genie sein kann.
Nein, das nicht. Aber nach meiner Beobachtung sind viele einfach zu bequem, sich mit Stricktechniken zu befassen oder sich ein ordentliches Grundlagenbuch zu kaufen und sich das auch mal zu Gemüte zu führen.

Demnächst werde ich mich einmal über den Satz auslassen “aber ich kann doch kein Englisch”.

Geschrieben von Michaela am Freitag, 10. August 2012 11:02

Welch wahres Wort! Du hast es wirklich auf den Punkt gebracht!

LG Mary

Geschrieben von Mary am Freitag, 10. August 2012 13:57

Was den Satz “ich kann doch kein Englisch” betrifft:
Ein Münsteraner Matheprofessor, mit dem ich ein wenig befreundet bin (ja, es gibt richtig nette Matheprofessoren), hat mir vor einiger Zeit mal eine Anekdote über eine Kellnerin erzählt. Die hat ihm, als er eine Tasse Kaffee mit 50 Euro bezahlte (kleiner hatte er es nicht), über 60 Euro Wechselgeld herausgegeben. Als er freundlich meinte, dass das doch nicht stimmen könne, antwortete die Kellnerin: “In Mathe war ich immer schlecht!”

Warum gibt es kein Unterrichtsfach “allersimpelste Logik”?

Freundliche Grüße!
schmollfisch Anna, die auch noch alte Strickhefte mit über 100 halbseitigen Anleitungen hat ...

Geschrieben von Anna am Samstag, 11. August 2012 18:34

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