Verwirrt und überfordert

Heute fuhr ich zum ersten Mal in diesem Jahr zum Supermarkt, um einzukaufen. Das ist nicht gerade meine Lieblingsbeschäftigung, deshalb erledige ich es grundsätzlich so selten und dann so schnell wie möglich, bewaffnet mit einem langen, sorgsam zusammengestellten Einkaufszettel.

Da ich gern stricke, besitze ich relativ viel Kleidung mit hohen Anteilen von Wolle und/oder Seide, die natürlich ein geeignetes Spezialwaschmittel benötigen. Und genau das stand unter anderem auf meinem Zettel. Obst, Gemüse und Brot befanden sich bereits im Einkaufswagen; nun stand ich vor dem Waschmittelregal und beschaute verblüfft die neue Aufteilung. Ja, ich verabscheue es, wenn Supermärkte alle paar Wochen ihre Ordnung umstellen und das Tomatenmark auf einmal nicht mehr bei den Konserven, sondern bei den Nudeln untergebracht ist. Aber was hier passiert war, war weitaus schlimmer.

Wo beim letzten Waschmittel-Einkauf (vor mehr als einem halben Jahr) noch mehr oder weniger eintönige Behälter in Pastellfarbe standen, war jetzt alles knallbunt und verschiedenfarbig. Fassungslos starrte ich auf die farbenfrohe Pracht und fragte mich, in welcher fremdartigen Welt ich gelandet war und wie ich das finden sollte, an das meine Kleidung gewöhnt ist. Es gab identisch geformte Behältnisse in Rot, Blau, Grün, Schwarz, Weiß und mehr, als habe sich jemand meines Aquarellkastens bemächtigt und damit ein verwirrendes Bild gemalt. Da ich mein Handy im Auto gelassen hatte, konnte ich leider kein Foto davon machen.

Ich kam nicht umhin, mir das Kleingedruckte auf den verschiedenen Flaschen vorzunehmen; für eine alte Frau mit fortschreitender Presbyopie alles andere als ein Vergnügen. Dazu war’s noch vergebliche Mühe, denn der Inhalt aller dieser bunten Dinger war für meine Zwecke ungeeignet. Verzweifelt richtete ich meine Augen himmelwärts.

Und da kamen sie in mein Blickfeld: Die gewohnt pastellfarbenen Behälter, mit deren Inhalt man Seide, Angora und die Wolle sämtlicher Bovidae dieser Welt waschen kann. Was war ich erleichtert! Sofort griff ich zu, auch wenn ich mich dazu ziemlich strecken musste.

Eines bleibt mir unklar. Angenommen, man hat Kleidung in vielerlei Farben, ist Allergiker, treibt Sport (in neonfarbener Nylonkleidung) und mag penetrante sogenannte Wohlgerüche: Erwartet der Hersteller dieses unglaublichen Sortiments tatsächlich, dass man sich zu seinem Vollwaschmittel acht verschiedene Spezialmittelchen neben die Waschmaschine stellt? Wie groß muss eine Familie oder wie voll ein Kleiderschrank sein, damit man in endlicher Zeit eine Maschine gefüllt hat, um das jeweilige Mittel auch zu verwenden? Und weshalb sollte man ein Deo für seine Kleidung verwenden, statt sich des öfteren mal selbst unter die Dusche zu stellen?

2 Gedanken zu „Verwirrt und überfordert“

  1. Liebe Kerstin,

    in meinen Augen ist es ein Symptom unserer krankenden Gesellschaft: Auf der einen Seite die Profitgier der Hersteller (der Egoismus, der in unserer Gesellschaft so irrwitzige Blüten treibt), auf der anderen Seite die Verunsicherung und oft auch der fehlende gesunde Menschenverstand der Konsumenten. Die Hersteller nützen dies ohne Scham und Hemmungen aus, nur um die Gewinne noch mehr in die Höhe zu treiben. Ob irgendwas tatsächlich gebraucht wird oder sinnvoll ist, wird gar nicht hinterfragt!

    Was ich aber ganz schlimm finde ist, dass auf diesen neumodischen Produkten im Kleingeschriebenen oft zu lesen ist „schädlich für Wasserorganismen mit langfristiger Wirkung“… (so zum Beispiel auf den „Tabs“ jeglicher Hersteller.)
    Und die Leute kaufen und kaufen, weil es so schön einfach ist!

    Viele liebe Grüße
    Petra

    1. Liebe Kerstin, liebe Petra! Du hast Recht, es ist traurig, wie wenig sehr, sehr viele Menschen nachdenken. Ich nenne es „bewusstloses Kaufen“ – Doppeldeutigkeiten beabsichtigt :).
      Ich für mich selbst habe eine Möglichkeit gefunden, beim Wasch- und Putzmittel auf den ganzen Müll zu verzichten und stelle mir alles selbst her. Es ist wirklich sehr einfach, sehr umweltfreundlich und noch dazu spart man enorm Geld. Wir sind zwei Sportler, haben jeden Tag mindestens 1-2 Maschinen und sparen im Jahr incl. Putzmittel um die 400 Euro. Und ja, Kerstin, wir hatten tatsächlich früher 7 verschiedene Wasch- und Spülmittel für die ganzen verschiedenen High-Tech-Materialien. Alles völlig unnötig, mit „meinem“ Waschmittel geht nichts kaputt, alles wird super sauber und Farbverluste sind wie vorher normal, also nach soundsoviel Waschgängen. Wolle, Seide etc. ist allerdings tatsächlich ein Extra-Thema, da nehme ich mittlerweile „nur“ noch Haar-Shampoo. Das kann man relativ umweltbewusst einkaufen und man benötigt sehr wenig davon. Wichtig ist dabei der Spülgang mit verdünnter Essigessenz, da „sichert“ man die Farbe und bringt z.B. bei Pullovern den Geruch zuverlässig raus.
      Liebe Grüße Heike

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