Einheitlich?

Mich verblüfft immer wieder, wie viele Menschen sich etwas anschaffen (kaufen, stricken, bauen, …), das möglichst viele andere bereits haben, und zwar nur weil diese anderen es bereits haben. Als sei etwas, das schon von vielen Menschen für gut und/oder schön befunden wurde, auch für einen selbst die beste aller denkbaren Optionen.

Früher™, als Nonkonformismus noch salonfähig war, führte bereits die Vorstellung, eine andere Frau könnte bei einer Veranstaltung das gleiche Kleid tragen wie man selbst, zu Herzrasen, zum Teil sogar bei den nur peripher betroffenen männlichen Begleitern. Heute hält man es für die Bestätigung des eigenen guten Geschmacks, wenn bei einem größeren Stricktreffen drei oder mehr weitere Personen den gleichen Pullover oder Schal tragen, tunlichst aus dem Originalgarn und in der Originalfarbe angefertigt.

Dieser Drang zur Einheitlichkeit bringt mich immer mal wieder zum Grübeln, vor allem wenn ich Berichte anderer Strickerinnen lese oder höre, was für eine Enttäuschung bestimmte, sehr beliebte Modelle für sie selbst seien. Vor längerer Zeit stolperte ich über ein Video, in dem eine Frau jammerte, dass sie drei Kleidungsstücke für sich gestrickt hätte, aber mit keinem davon wirklich zufrieden sei. Alle drei waren in Beige. Na so ein Zufall! Auf einen ähnlich gelagerten Fall stieß ich vergangene Woche, da ging es allerdings nicht um Beige, sondern um Grau. Beige und Grau sind zweifellos zeitlose, dezente Farben und kommen in allerlei unterschiedlichen Nuancen vor. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mensch sich darin wohl fühlt oder gut aussieht.

Ich habe volles Verständnis dafür, dass man sich mal in der Farbe vergreift, weil z.B. das Modelmädel in seinem beigefarbenen oder grauen Pulli auf dem Foto so glücklich lächelt. Wenn man aber feststellt, dass man selbst damit eher krank und unglücklich aussieht, ist es wenig sinnvoll, ein zweites oder gar drittes Projekt in dieser Farbe zu stricken. Wir sind doch alle lernfähig, oder? Lernfähigkeit bedeutet eben auch, nicht immer wieder auf wenig kleidsame Farben hereinzufallen, nur weil sie gerade in Mode sind oder eine andere Person darin gut aussieht.

Natürlich habe auch ich gelegentlich „Fehlfarben“ gekauft und getragen. Aber wenigstens habe ich derlei teils kostspielige Fehler jeweils nur einmal gemacht und danach die Finger von Marineblau, Türkis, Violett oder Rosa gelassen und mich auf Beige, Rot und Grün konzentriert. Bevor ihr euch also eine komplett neue Garderobe in den aktuellen Modefarben (keine Ahnung, welche das gerade sind) anschafft, solltet ihr lieber erst prüfen, ob ihr damit so gut ausseht und euch so fabelhaft fühlt wie die Models, die darin posieren.

2 Kommentare zu „Einheitlich?“

  1. Einspruch, Euer Ehren! Es gibt keine kleidsamen Farben an sich. Jeder Mensch ist ein bestimmter Farbtyp. Dem Sommertyp steht ein kühles pastelliges Grün, dem Frühlingstyp ein warmes, bspw. Eine professionelle Farbberatung kann einem die Augen öffnen und künftige Fehlkäufe vermeiden helfen.

  2. Hallo Annette, meine erste Farb- und Stilberatung hatte ich ungefähr 1985, meine letzte vergangenen Mai (weil mein Haar mittlerweile sehr grau ist). Mir ist das Prinzip durchaus vertraut. Dennoch gibt es Farb-Familien, in denen man sich nicht wohl fühlt oder nicht „man selbst“ ist.
    Meine frühere Schwiegermutter (zu der ich übrigens ein sehr gutes Verhältnis hatte) hätte sich nicht einmal ansatzweise vorstellen können, in einem roten Kostüm (d.h. in ihrem optimalen Rot) über einen belebten Platz zu gehen. Sie hätte sich von der Farbe erschlagen gefühlt oder sie als „zu laut“ empfunden. Im Gegensatz dazu war das für mich niemals ein Problem. Dafür habe ich bisher keine einzige bläuliche Nuance gefunden, von der ich sagen könnte, dass sie zu mir passt. 🙂

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