Die verstrickte Dienstagsfrage 33/2012

Diese Woche fragt das Wollschaf:
Habt ihr Eigenarten beim Stricken? Also, ich z.B. kann keine zwei gleichen Socken hintereinander stricken. Da fehlt mir dann immer die Motivation für den Zweiten. Wenn ich beide Socken hintereinander stricken soll, dauert das ewig. Darum stricke ich jetzt immer Singles und wechsel dann durch beim Stricken der jeweils zweiten. So brauch ich für einen Socken nur zwischen zwei und vier Tagen…
Vielen Dank an Micha für die heutige Frage!

Was für den einen eine Eigenart oder ein Tick ist, kann für jemand anderen völlig normal und nicht einmal erwähnenswert sein. 🙂 Eine meiner persönlichen “Normalitäten” ist, dass ich Kleidung grundsätzlich mit und nach Maschenprobe stricke. Ich mag Maschenproben unter anderem auch deshalb, weil man damit neue Muster gut ausprobieren kann. Und mehr als einmal habe ich nach so einer Probe beschlossen, ein Muster lieber nicht für ein größeres Projekt zu verwenden, weil es sich bescheiden stricken ließ.

Wer nun glaubt, dass ich jedesmal eine neue Maschenprobe mache, der irrt allerdings. Ich verarbeite oft Garne, die ich schon kenne; bei Hunderten von Strickprojekten in den vergangenen 30 Jahren ist das auch kein Wunder. In solchen Fällen kann ich dann auf meine Notizen zu einem früheren Projekt zurückgreifen und sogar an fertigen Teilen messen.

Eine weitere Eigenart wäre, dass ich niemals einen Kett-Rand stricke. Ich finde ihn zu locker, zu wenig substanziell und für fast gar nichts zu gebrauchen. Selbst wenn er gleichmäßig gestrickt wird, bleibt er labberig. Das muss ich nicht haben. Stattdessen arbeite ich meistens einen Nahtrand oder durchgehend kraus gestrickte Randmaschen. Beides ist gut geeignet für späteres Zusammennähen oder z.B. um Maschen für eine Blende herauszustricken.

Noch eine Angewohnheit: Schultermaschen werden bei mir praktisch immer zusammengestrickt und gemeinsam abgekettet. Im Maschenstich zusammengefügte Schulternähte sehen zwar nett aus, haben für meinen Geschmack aber zuwenig Halt. Außerdem ist diese Technik bei manchen Mustern mühsam zu arbeiten.

Wo bleibt die Executive Version?

Wer heutzutage im Berufsleben steht und gelegentlich Statistiken oder gar Präsentationen erstellen muss, der weiß: In den Unterlagen finden sich zu den verkauften Weihnachtsmännern oder Osterhasen alle erdenklichen Details, über die sich ermitteln lässt, ob die kleinen Roten oder die dicken Goldfarbenen mehr Umsatz gebracht haben, wieviel mehr Quengelware ab einer Verweildauer von drei Minuten in der Kassenschlange abverkauft wird und welche Kassiererin die meisten Lebkuchen über den Scanner geschoben hat. Das ist alles hochinteressant für den Azubi, der noch lernt, wie ein Supermarkt funktioniert.
All dieser Kleinkram interessiert aber den “Executive” in der Konzernzentrale nicht im Entferntesten. Der will wissen, wieviel Umsatz die Filiale in den letzten vier Wochen gemacht hat, wie die Quote per Verkaufs-Quadratmeter ist und welche Produktgruppen den höchsten Deckungsbeitrag dazu geleistet haben. Dafür gibt es die “executive version” des Berichts bzw. der Präsentation.

Bei den Strickerinnen ist es ähnlich.
Es gibt die Anfänger und Detailverliebten, die vor dem Anschlagen ihres Spüllappens erst noch jede Masche persönlich kennenlernen möchten, möglichst mit einem Video, das auch im ausgedruckten zwanzigseitigen PDF ohne Ruckeln abläuft. Das lassen sie sich auch gern ordentlich etwas kosten, solange sie nur das Gefühl haben, dass ihnen auch nicht das kleinste unwichtige Informationsbröckchen vorenthalten wird.

Und es gibt auch in Strickerkreisen die “executives”, die es knapp und klar bevorzugen. Sie können zwischen den Zeilen lesen und sich weggelassene Details selbständig hinzudenken. Sie können nicht nur ohne Zuhilfenahme eines Videos eine Masche wie zum Rechtsstricken abheben, sondern auch Strickmuster von flach auf rund und umgekehrt umsetzen und noch diverse weitere Kunststücke. Im Zweifelsfall reicht ihnen als “Anleitung” ein Schnitt-Diagramm, ein Muster-Diagramm und ein paar Fakten wie Material, Menge und Maschenprobe. Solche Anleitungen gab es übrigens vor 30 Jahren in fast jeder deutschen Strickzeitschrift. Sie nahmen meist weniger als eine halbe Seite ein, und man konnte fabelhaft, platzsparend und problemlos danach stricken. Auch Anfängerinnen strickten so, und mit Erfolg.

Was aber das Wunderbarste ist: Auch die moderne Strickerin kann lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Heißluft-Humbug einfach wegzulassen. Macht Euch unabhängig von zwanzigseitigen Anleitungen! Mit etwas Selbstvertrauen und ein klein wenig Übung reduziert Ihr überkomplizierte Bläh-Anleitungen auf die zwei Seiten, die wirklich darin stecken. Überlegt nur mal, wieviel Strickzeit Ihr hinzugewinnt, wenn Ihr vor dem Anschlagen achtzehn Seiten weniger durchlesen müsst. Es lohnt sich!

Und Ihr, liebe Strick-Designerinnen, die Ihr so stolz auf Eure zwanzigseitige Spüllappen-Anleitung nebst Video seid: Wollt Ihr Euch nicht einmal darauf besinnen, dass nicht alle Strickerinnen hirnamputiert sind, dass auch die unerfahrenste Anfängerin Fortschritte im Interpretieren von Anleitungen machen kann, wenn man sie nur lässt, und dass weniger oft mehr ist? Lasst doch versuchsweise mal die Blümchen, die Herzchen und die Dreifach-Erklärungen über siebzehn Seiten weg und ermuntert Eure Kundinnen, ihr integriertes Logik-Modul ruhig mal in Betrieb zu nehmen. Es funktioniert hervorragend und von Tag zu Tag (und von Anleitung zu Anleitung) besser, vorausgesetzt es wird nicht ständig von wohlmeinenden Anleitungsschreibern gestutzt, die Strickerinnen einen IQ vergleichbar mit dem einer Scheibe alten Zwiebacks unterstellen.

New Electronic Pattern Book

Manchmal findet man etwas Interessantes und Wertvolles, von dem man gar nicht wusste, dass es existiert, geschweige denn dass man es besitzt. So erging es mir gestern auf der Suche nach EVA (was die Abkürzung ist für “etwas völlig anderes”).

New Electronic Pattern Book

Das “New Electronic Pattern Book” kam vermutlich über den Nachlass einer Freundin in meinen Besitz. Es erschien im Jahre 1988 und enthält auf 70 Seiten farbige Abbildungen und Diagramme von 155 Mustern für Silver Reed Elektronik-Strickmaschinen, vor allem die SK 560 und SK 580. Dazu gehörte möglicherweise eine Memory Card fürs PE1, die ich allerdings nicht besitze. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, weil ich sowieso keine Silver Reed Strickmaschinen habe. Die Texte sind weitgehend in Japanisch mit knappen englischen Erläuterungen. Für die Muster gibt es im Buch verkleinerte Diagramme.

Die Muster im Buch sind für verschiedene Stricktechniken am Einbett gedacht, u.a. Norwegertechnik, Vorlegemuster, Fangmuster (auch mit ausgelassenen Nadeln), Webmuster und einige außergewöhnlich filigrane Lochmuster.

Lochmuster-Beispiel

Ob letztere mit meiner Brother Maschine ohne größere Anpassungen nachstrickbar sind, ist fraglich. Aber man kann ja bei Gelegenheit ein wenig experimentieren. Und nein, dieses Buch steht nicht zum Verkauf. 🙂

Kordel-Ersatz

Früher beschwerten sich viele Strickerinnen, dass ihre Rundstricknadeln sich kringeln oder Knicke bekommen. Um das zu umgehen, hatte ich all meine Rundstricknadeln mit einer selbstgedrehten Kordel zusammengefasst, so dass sie frei hängen konnten, ohne sich je zu kringeln. Eine sehr liebe Strickfreundin, Frau R. aus S., konnte das Elend dann nicht mehr mit ansehen und brachte mir diese elegante Mappe mit, die eigentlich für Pinsel gedacht ist.

Pinselmappe für Nadeln

Hier kann man die Nadeln nach Stärken sortiert in Gummischlaufen einhängen. Damit findet man die gerade gewünschte Stärke viel schneller als vorher, und alles ist aufgeräumter und übersichtlicher.

Besitzerinnen von variablen Nadel-Sets benötigen so etwas übrigens nicht. Sie haben für ihre Nadelsets ja immer das passende Mäppchen. Wer Nadeln aus neuester Produktion hat (jünger als 2010), benötigt so etwas im allgemeinen auch nicht, weil moderne hightech-Nadelseile sich nicht so kringeln wie die aus dem letzten Jahrtausend. Die neuen Fabrikate kann man in ihrer Verpackung aufbewahren und bei Bedarf unverkringelt herausnehmen.

Das ist ja wohl das Letzte!

Nämlich das letzte Babyjäckchen für dieses Jahr. 🙂
Wieder habe ich es nach dem gleichen bewährten Schema gestrickt, diesmal aus Wollerey “Silkada” in Lachsrot und Türkis. Verbraucht habe ich dafür ungefähr 85 g Lachs und 65 g Türkis.

Babyjäckchen Ulina

Babyjäckchen Ulina

Um die Streifenfolge etwas abwechslungsreicher zu gestalten, habe ich in einem Verlauf von Rot nach Türkis gestrickt. Insgesamt sind 83 “Rippen” zu stricken. Man beginnt mit fünf Rippen in Rot, dann folgt eine Rippe in Türkis, dann acht Rippen in Rot, zwei Rippen in Türkis, und so weiter. Das ist eine der vielen Möglichkeiten, das Streifenmuster zu variieren. Natürlich könnte man das auch mit drei Farben machen.

Rowan Magazine 52

Im Prinzip lebe ich in einer der milderen Ecken dieser Republik. In weniger als zehn Kilometer Entfernung gibt es beispielsweise einen Weinberg. Wer kann das schon von seinem Domizil behaupten?
Dennoch ist das Wetter zur Zeit auch hier kühl und trübe. Da kommt das Rowan Magazin Nr. 52 doch gerade recht, um Inspirationen für den nahenden Herbst und Winter zu geben.
Diesmal lauten die Themen Hebridean, North Sea und Essentials. Hier findet Ihr eine Übersicht. Die Modelle sind vom Stil her eher traditionell, man findet Fair Isle, Aran und Guernsey-Muster in gedämpften Farben. Das meiste scheint mir sehr gut tragbar und alltagstauglich. Meine persönlichen Favoriten wären übrigens die Jacke “Bute” und der Pullunder “Tobermory”. Nur bei wenigen Modellen komme ich ins Kopfschütteln, beispielsweise beim Pulli “Utsire” mit seiner merkwürdig geformten Saumlinie oder beim Umhang (?) “Macy”.
Etwas merkwürdig scheint mir bei einigen Modellen die Formgebung am Halsausschnitt. Da beult und bauscht es sich teilweise (Bailey Woman), als sei es den Designern nicht ganz klar, was für einen Ausschnitt ein menschlicher Hals benötigt, um ausreichend Platz zu finden. Auch die diversen Stehkragen sehen eher aus wie gewollt denn gekonnt. Und beim Modell “Harris” frage ich mich, wie zum Teufel diese Mischung aus Intarsientechnik und 1-Reihe-Streifen überhaupt gestrickt werden kann.
Aber alles in allem ist es ein gelungenes Heft, das einem nur wenig Augenschmerzen bereitet, denn obwohl auch diesmal Fair Isle gnadenlos mit Tartan kombiniert wurde, sind die Farben dankenswerterweise harmonisch gewählt.

Ulina Anleitung ist fertig

Nachdem mehrere Strickerinnen bereitwillig sich und ihre Zeit geopfert haben, um das Jäckchen testzustricken, sind nun hoffentlich die gröbsten Fehler eliminiert, und man kann die Anleitung bei Ravelry kostenlos herunterladen. An dieser Stelle ganz großen Dank an alle, die beim “Entfehlern” mitgeholfen haben!
Als nächstes wird dann wohl die Übersetzung ins Englische fällig.

Babyjäckchen Ulina

Das Bild zeigt meine Version Nr. 5, gestrickt aus Wollerey “Meline”. Ich habe inzwischen *hüstel* Exemplar Nr. 6 auf den Nadeln und schon die eine Hälfte fertig. Demnächst gibt’s davon dann auch ein Bild.

Die verstrickte Dienstagsfrage 28/2012

Diese Woche fragt das Wollschaf :
Ich habe gerade damit angefangen auch Strickjacken und Pullover zu stricken. Wie macht ihr das, habt ihr ein Strickmuster, dass gut passt, das ihr nur noch abändert oder in einer anderen Farbe strickt? Oder strickt ihr jedesmal ein neues Strickmuster.
Vielen Dank an Poppy für die heutige Frage!

Darauf gibt es eine klare Antwort: Sowohl-als auch.
Ich stricke ernsthaft seit ungefähr 30 Jahren, meistens nach eigenen Entwürfen, und wenn ich in dieser Zeit immer nach dem selben Schema und Muster gestrickt hätte, wäre ich wohl schon an Langeweile gestorben. Deshalb wird immer mal wieder gewechselt und geändert. Man selbst ändert sich ja auch in Körperbau und Vorlieben.
Gleichzeitig optimiere ich aber auch fortwährend. Wenn ein Schnitt für eine bestimmte Person eine besonders gute Passform hat, dann dient er als Basis für weitere Modelle für diese Person, die z.B. in Farbe, Garn oder Details variiert werden. Und wenn sich eine Ausschnittform oder ein Material für mich nicht bewährt haben, dann lasse ich erst einmal die Finger davon. Ich erfinde also nicht ständig das Rad neu, sondern orientiere mich an dem, was ich in den vergangenen Jahrzehnten gelernt habe, berücksichtige dabei aber selbstverständlich auch neue Entwicklungen und Modetrends. Wer will schon in einem Pullover oder einer Jacke herumlaufen, denen man überdeutlich ansieht, dass sie im Jahr 1980 entworfen wurden?
Auf der anderen Seite gibt es einige zeitlose Modelle, von denen ich gar nicht genug bekommen kann. Beispielsweise stricke ich derzeit an der sechsten Version eines Babyjäckchens. Alle werden auf dieselbe Art gestrickt, mit derselben Nadel, aber unterschiedlichen Garnen, und sie sehen durch unterschiedliche Farbfolgen alle verschieden aus. Dann habe ich mir einen schlichten Pullover im Rippenmuster mittlerweile fünfmal gestrickt, immer aus derselben Garnqualität, aber in verschiedenen Farben. Dabei optimiere ich weiterhin jedesmal ein wenig. Mal wird der Ärmel minimal verkürzt, dann der Ausschnitt etwas angepasst, es werden präzisere Notizen für die Ausschnittblende gemacht und ähnliches. Wenn man etwas öfter macht, ist das auch eine gute Gelegenheit, es jedesmal ein wenig besser und einfacher zu machen.

Babyjäckchen

In den letzten Wochen fand ich nicht viel Gelegenheit zum Stricken, folglich gibt es bei mir leider auch nicht viel zu berichten oder zu sehen. Das Wenige, was fertig wurde, unterliegt bzw. unterlag zudem strengster Geheimhaltung. Aber nun kann ich etwas zeigen, weil die werdende Mutter es heute erhalten hat. Und gefreut hat sie sich auch.

Babyjäckchen

Dies ist das vierte Jäckchen, das ich nach dem “Ulina”-Rezept gestrickt habe. Ich benötigte etwa 160 g Wollmeise 100 % Merino in drei Farben, gestrickt habe ich mit Nadelstärke 2,75 mm, und gedauert hat das Ganze von Mitte April bis Mitte Mai. Die Knöpfe allerdings habe ich erst vor drei Tagen gekauft und angenäht. Ich finde, sie passen perfekt zur Jacke, weil sie die Form der eckig verlaufenden hellgrünen Streifen aufnehmen.

Die verstrickte Dienstagsfrage 26/2012

Diese Woche fragt das Wollschaf:
Manchmal verliebt man sich in ein Garn, dass einen in den schönsten Farben aus dem Regal angelächelt hat.
Dann geht man nach Hause und strickt es voller Vorfreude an und muss feststellen, dass das Stricken gar nicht so einfach ist. Gerade Baumwolle teilt sich auch gerne einmal. Macht es euch viel aus, wenn ihr Garn verstrickt, dass sich teilt? Bin auf eure Antworten gespannt.
Vielen Dank an Bianca für die heutige Frage!

Solange das Garn noch einigermaßen parallel über die Nadeln läuft, beschwere ich mich nicht. Ärgerlich wird es, wenn so genanntes “Designergarn” ins Spiel kommt, das aus verschiedenen, häufig inkompatiblen Fäden unsachgemäß aufgewickelt wurde. Solche Garnkombinationen können wunderschön und sehr verlockend aussehen. Beim Verarbeiten jedoch zeigt sich häufig, dass jeder der einzelnen Fäden seine eigene Vorstellung von Elastizität, Dehnbarkeit und Stabilität hat. So wird nach dem Stricken der ersten paar Reihen möglicherweise der eine Faden allmählich lang und länger und bildet richtige Schlaufen, während ein anderer Bestandteil kaum nachzukommen scheint und den glatten Ablauf des Knäuels empfindlich stört.
Nein danke, kann ich da nur sagen. Wenn schon “Designergarn”, dann stelle ich es mir selbst zusammen, achte auf gleichartige Pflegeeigenschaften und sorge natürlich auch dafür, dass es sauber und gleichmäßig läuft und keine störenden Schlingen bildet.