Viva Paranoia

Die meisten Menschen gehen wohl zu Recht davon aus, daß Handarbeitsinteressierte ein außerordentlich friedfertiges und hilfsbereites Völkchen sind. Ausnahmen sind selten — ich weiß von einigen langjährigen Fehden, die immer noch der Erheiterung ganzer Online-Gemeinschaften dienen — und beruhen nach meinem Kenntnisstand eher auf persönlichen Animositäten als auf einem bösartigen Naturell.

Es gibt da aber tatsächlich einen Händler (oder ist es eine Händlerin? Nein, zu einer Frau paßt so ein Verhalten nicht wirklich), der seinen Internet-Besuchern vor allem unterstellt, sie seien asoziale Online-Rowdies, die nichts als Unfug und Ruhestörung vorhaben. Wie böse das ist und daß man so etwas nicht tun darf, erläutert er allen, die sich in sein Online-Forum verirren, das folglich den Charme eines mittelalterlichen Folterkellers ausstrahlt. Wer sich auch nur mit dem Gedanken eines Fehlverhaltens trägt, dem werden vorsorglich schon mal schlimmste Strafen inklusive Online-Pranger und virtueller Exkommunikation angedroht, so wie man früher dem armen Delinquenten die Folterwerkzeuge zeigte.

Was um alles in der Welt verspricht sich der Besitzer von Stricknadel-Schmitzens virtuellem Handarbeits-Pranger davon, die Leute so massiv von der Benutzung seines Forums abzuschrecken, daß sich innerhalb eines Jahres gerade mal zehn Unerschrockene getraut haben, ein knappes Dutzend Nachrichten zu verfassen?

Kleine Freuden

Manchmal ist es ja absurd, über welche Kleinigkeiten man sich riesig freuen kann. 🙂 Heute rief mich Maren K. aus dem Norden an. Sie versucht, die Restbestände von Dodos Strickschule in gute Hände zu vermitteln. (Keine Hektik, die Rosinen sind bereits herausgepickt, z.B. von der übereifrigen Dame aus W., die sich, wie mir berichtet wurde, mit sicherem Griff sofort sämtliche verfügbaren Nadelsperrschienen und Doppelbettgewichte unter den Nagel riß, Dodos Sohn dafür ein Trinkgeld in die Hand drückte und von dannen zog. Man konnte sie gerade noch daran hindern, auch noch alle verbliebenen Ersatznadeln und verschiedene andere lose Teile mitgehen zu lassen.)

Wo war ich stehengeblieben? Ach ja. Also, Maren versucht, die Reste gegen ein kleines Entgelt an solche Leute zu vermitteln, die etwas damit anfangen können und nicht nur fleddern wollen. Speziell sind noch mehrere Formstricker vorhanden, die ein neues Zuhause gebrauchen könnten. Formstricker, das sind die Dinger mit den großen Folien, auf die man den gewünschten Schnitt in Originalgröße aufzeichnet, dann stellt man das Gerät gemäß Maschenprobe ein, und der Schnitt läuft sozusagen während des Strickens mit. Besonders gut sind sie nach meiner Erfahrung für Intarsiendesigns geeignet. Man malt einfach die Form auf, die man einstricken will, und voilà, genau so kommt sie dann heraus, ohne Rechnen und ohne Verzerrungen. Falls jemand also günstig so ein Gerät haben will, einfach bei mir melden, ich vermittle dann den Kontakt zu Maren.

Und was hat nun bei mir eine Riesenfreude ausgelöst? Vor einem halben Jahr habe ich den Doppelbett-Arbeitshaken meines Grobstrickers kaputtgemacht, übrigens bei dem Versuch, den farbigen Markierungsring von einem gebrauchten elektrischen Zahnbürstchen zu lösen, um ihn auf ein neues Bürstchen zu setzen. Seither benutze ich vorsichtshalber ein unmarkiertes Bürstchen und kann allen elektrischen Zahnbürstenbenutzern nur dringend davon abraten, Strickmaschinenwerkzeuge zweckzuentfremden.
Kommen wir auf den Punkt: Unter den vielen kleinen Teilen fand Maren just das, was mir fehlte. Sobald es mich das nächste Mal wieder in den Norden verschlägt, wartet dort auf mich ein neuer Arbeitshaken, und mein Werkzeug ist dann wieder komplett.

Das Waschen macht den Unterschied

Kürzlich habe ich mit einem Baumwoll-Leinen-Gemisch experimentiert, von dem ich eine ziemlich große Menge habe. Es ist zu dünn, um es einfach zu verstricken, deshalb habe ich es sowohl zwei- als auch dreifach gespult verstrickt und natürlich gewaschen — man wird ja vorsichtig.


Das Bild zeigt zwei Proben. Die kleinere besteht aus zwei Fäden, und ich habe sie im Schonwaschgang bei 30° gewaschen. Die Farben blieben unverändert, eine Art Beigemeliert. Die darunterliegende, größere Probe, dreifädig verstrickt, warf ich versuchsweise mal mit in die 60°-Wäsche. Wie bei Baumwolle und Leinen nicht anders zu erwarten, überstand sie diese “Tortur” problemlos, allerdings bleichte das Material, vermutlich infolge des stärkeren Waschmittels, etwas aus zu einem nicht ganz so lebendigen, aber dennoch sehr ansprechenden Natur-Ton.

Diese etwas dickere Probe hat mehr Substanz und Griff und dürfte sich besser für Kleidungsstücke eignen, die die Form halten sollen. Das dünnere Dingens fällt lockerer und wirkt weniger stabil.

Ich könnte mir gut vorstellen, das fertige Gestrick (was immer es einmal werden mag, noch gibt es keine konkreten Pläne) später in der Waschmaschine mit handelsüblichen Textilfarben zu behandeln, um eine größere Farbvielfalt zu erreichen.

Man sollte zählen können…

Der Graue (ich habe bereits erwogen, ihn “Gandalf” zu nennen, aber das entspricht nicht wirklich seinem Naturell) macht Fortschritte. Es wurde Zeit für die Halsblende.

Halsblenden stricke ich am liebsten nach Methode 13 aus dem Kragen-Buch. Dafür berechnet man zunächst, wieviele Maschen man benötigt, strickt dann die Blende in der gewünschten Höhe und hängt danach die Halskante von Vorder- und Rückenteil dazu, um zu guter Letzt alles zusammen abzuketten.

Ich zählte die Rückenteil-Maschen ab: 30 offene Maschen und je zwei pro Seite bis zur Schulter, machte 34 Maschen. Ich zählte gleichermaßen die Vorderteil-Maschen ab: 26 offene Maschen, plus 12 für die seitlichen Kanten. Fröhlich schlug ich 72 Maschen an und strickte meine Blende, die Kanten dazugehängt und — dumm aus der Wäsche geguckt: Es fehlten exakt 12 Maschen bei der Blende. Ich hatte in meinem Elan nämlich nur eine Seitenkante mitgerechnet.
Jetzt darf ich alles wieder aufziehen.

Manchmal habe ich den Eindruck, dieser Pullover sträubt sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln gegen seine Entstehung.

Sockenbaumwolle ist knapp

Vor kurzem versuchte ich, bei Fischer Wolle baumwollhaltiges Sockengarn zu bestellen, möglichst in Beige oder Natur. Es war schlechterdings nicht möglich, alles offenbar ausverkauft.
Zum Trost erhielt ich jetzt per Post aus Babenhausen eine aktuelle Farbkarte mit Preisliste. Sehr schön, jetzt kann ich mir in Ruhe überlegen, welche Farben vielleicht alternativ in Frage kommen. 🙂

MKM

ist die Abkürzung für “Machine Knitting Monthly”, die letzte verbliebene britische Zeitschrift über Maschinestricken. Ich hatte am 12. März schon mal was darüber geschrieben. Heute hatte ich die Juli-Ausgabe im Briefkasten und dazu einen Brief vom Verlag. Mein erster Gedanke, als ich den Umschlag sah: Ach du lieber Himmel, jetzt wollen sie diese letzte Zeitschrift auch noch einstellen.

Aber glücklicherweise war im Umschlag nur der Bestellschein für die Abo-Erneuerung. Im Gegensatz zu deutschen Abonnements, die man immer erst ausdrücklich kündigen muß, enden britische und amerikanische nach einem Jahr (falls man nicht gleich für einen längeren Zeitraum bestellt hat), und man muß neu ordern. Das ist praktisch, wenn man feststellt, daß einem die Publikation doch nicht so gut gefällt, und eher schlecht, wenn man schusselig ist und die Neubestellung vergißt.

Der Graue

Seltsamerweise kam ich beim erneuten Stricken des Rückenteils mit fast genau derselben Garnmenge aus wie bei meinem ersten Versuch. Die Maschenprobe hat sich geringfügig geändert; ich habe jetzt 21 Reihen auf 10 cm anstelle von 22. Und ich habe einen Fehler, der mir beim ersten Versuch unterlief, diesmal nicht gemacht.

Das Bild zeigt die Nadeleinteilung, gestrickt wird in einem Vorlegemuster, bei dem alle Nadeln des HNB und jede 6. Nadel am VNB in Arbeit sind. Am HNB wird jede Reihe gestrickt, am VNB nur jede zweite, das ergibt Rippen aus langgezogenen Maschen, die das Garn schön zur Geltung bringen.
Man kann das Muster nun auf zwei Arten einteilen, zum einen so, daß man eine VNB-Masche in der Mitte hat. Das habe ich beim ersten Mal gemacht und mich dann geärgert, weil diese Masche später im Weg war. Diesmal habe ich meine VNB-Nadeln so eingeteilt, daß es eine gerade Maschenzahl ergab. Das gefällt mir besser, dann muß ich mir auch bei der Halsblende später nicht überlegen, wie ich die Mittelmasche möglichst unauffällig verschwinden lasse.

Ich bin so tapfer!

Heute abend habe ich die verbliebenen Fäden und Nähte des “kleinen Grauen(s)” aufgefieselt, einen Ärmel komplett aufgeribbelt und eine neue Maschenprobe gestrickt. Mit der ursprünglichen Maschenweite und im selben Muster. Morgen, nachdem die Maschenprobe etwas Ruhezeit hatte, werde ich mal nachmessen, ob sich etwas verändert hat.

Das Bändchengarn ist definitiv in der Wäsche etwas eingelaufen. Ich habe deshalb die restlichen drei Stränge, die schon zu einem Rechteck verstrickt waren, in der Waschmaschine noch mal unter denselben Bedingungen gewaschen wie zuvor den ganzen Pullover, denn das restliche Garn werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit noch benötigen, und es sollte dazu dieselbe Länge und Breite haben wie das aufgeribbelte Garn, sonst passiert ein neues Unglück.

Die Sehnsucht nach dem Dreiecktuch

Dreiecktücher sind ja derzeit groß in Mode. Ich habe mir eins gehäkelt, aus weißem Garn, in einem schönen Muschelmuster, mit eingeknüpften Fransen. Ein Bild kann ich leider nicht zeigen, denn gehäkelt habe ich das Tuch ungefähr 1973, und es existiert schon lange nicht mehr. Ich denke in letzter Zeit nur sehr oft an dieses Tuch, auch wenn ich mich an das genaue Muster nicht mehr erinnern kann.

Mitunter überkommt es mich, und ich würde mir gern wieder ein ähnliches Tuch häkeln oder stricken. Und dann denke ich an das Tuch von damals, wie elegant ich es als Teenie über meine Schultern drapierte, und wie unwillig es dort verharrte. Eigentlich verharrte es gar nicht, sondern nutzte jede sich bietende Gelegenheit, um höchst unelegant an mir herunterzurutschen. Eine Tasche zu tragen wurde mit dem Ding zu einem Balanceakt, der Konzentration erforderte. ZWEI Taschen zu tragen (z.B. eine Handtasche über der Schulter, eine Einkaufstasche in der Hand) war nahezu unmöglich.

Ich habe meine Lektion gelernt. Schultertücher sind wunderschön für Leute, die gänzlich unbelastet durchs Leben gehen, die wie gemalt (ich wollte nicht sagen, wie bestellt und nicht abgeholt) herumstehen und denen man die Türen aufreißt, weil sie unfähig sind, sie selbst aufzumachen.
Schultertücher sind ziemlich unpraktisch für Frauen, die tagtäglich Taschen oder Kisten durch die Gegend schleppen, die selten eine Hand frei haben, geschweige denn zwei, die ab und an einen Regenschirm halten müssen und die sich ihre Türen selbst aufschließen.

Ich muß mich gelegentlich daran erinnern, daß ich zur letztgenannten Gruppe gehöre. 🙂

Schlimmer als Fädenvernähen

ist es, vernähte Fäden aufzuspüren und aus ihrem Versteck zu holen, damit man ein bereits fix und fertig gestricktes Teil wieder aufziehen kann.

Ich bin eine großartige Fädenvernäherin. So großartig, daß ich die blöden Dinger im fertigen Modell kaum je wiederfinde. Deshalb ist Aufribbelnmüssen eine echte Herausforderung und kostet mich jede Menge Überwindung. Für den kleinen (zu kleinen) Grauen muß ich nun ran. So wie er ist, kann er nicht bleiben. Zu eng, zu kurz, das wäre ja alles kein Problem. Kein wirkliches jedenfalls. Man kann solche Sachen prima den schlankeren jungen Kolleginnen vererben, von denen ich eine Menge habe. Aber auch die schlankste junge Kollegin will keinen Pulli, dessen Ärmel zwischen Ellbogen und Handgelenk enden, denn bei dem Ding sind durchs Einlaufen die Proportionen verkorkst.

Und vorher saß es sooo gut an mir! Was lernen wir daraus? Man sollte Baumwoll-Bändchengarn niemals im Mini-Schnell-Kurzwaschgang bei 40° waschen, auch dann nicht, wenn man es gerade entsetzlich eilig hat.