Abketten ist nicht gleich Abketten

Nach wie vor habe ich das Modell Shleeves in Arbeit. Gestern abend kettete ich die Spitzenbordüre ab. Dafür brauchte ich drei Anläufe.

Meinen ersten Versuch startete ich mit der herkömmlichen Methode: Eine Masche abstricken und die vorherige Masche überziehen. Das ergab trotz dickerer Nadel eine zwar saubere, aber zu feste Abkettkante. Die Bordüre soll später zu einem Zackenrand gespannt werden, dafür braucht man mehr Elastizität. Ich merkte nach wenigen Maschen, dass es so nicht funktionieren würde, stoppte umgehend und löste die Abkettkante behutsam wieder auf bis zum Reihenanfang.

Für meinen zweiten Versuch zog ich Fachliteratur zu Rate, nämlich Leslie Ann Bestors Buch “Cast On, Bind Off”, das auf Deutsch übrigens unter dem Namen “Anschlagen und Abketten” erhältlich ist. Darin sind 21 verschiedene Abkettmethoden beschrieben. Ich wählte die Variante “Lace” von Seite 168, bei der man jeweils zwei Maschen verschränkt zusammenstrickt. Nach knapp zwei Dutzend Maschen war aber erkennbar, dass auch diese Kante zu fest wurde. Also wieder aufziehen, was bei dieser Stricktechnik zum Glück nicht besonders schwierig ist.

Auf der folgenden Seite im Buch fand ich dann eine Abkettart, die sich für meinen Zweck besser eignete: “Elastic Bind Off”. Auch hier werden zwei Maschen verschränkt zusammengestrickt, jedoch wird die linke von beiden zuvor noch normal abgestrickt. Das ergibt eine ausreichend elastische, aber nicht zu labberige Kante, die sich gut spannen lässt. Hier ist die rückwärtige Mitte provisorisch aufgenadelt:

Shleeves, Teil der Lochmusterkante

Natürlich ist das Gestrick hier nicht vollständig gespannt; die Maschen sind noch unregelmäßig. Aber man kann schon ungefähr erkennen, wie es einmal aussehen wird. Als nächstes sind nun die Ärmel an der Reihe; sie werden aus den offenen Maschen der Armlöcher herausgestrickt.

Was habe ich gelernt? Die erstbeste oder üblichste Methode ist nicht unbedingt die sinnvollste sein. Es lohnt sich, genau hinzuschauen und sofort aufzuhören, wenn man feststellt, dass etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Und es ist gut, wenn einem verschiedene Methoden zur Verfügung stehen. Ich hätte mich sehr geärgert, wenn ich die komplette Kante über mehr als 400 Maschen zu eng abgekettet hätte. Glücklicherweise merkte ich zweimal rechtzeitig, dass meine Methoden nicht optimal waren, und konnte es letztlich besser machen.

Shleeves

Das Modell Shleeves ist ein Mittelding aus Tuch und Jäckchen, nicht schwierig zu stricken, aber mit Pfiff. Ich stieß zufällig im Juni darauf, als es gerade herabgesetzt war, und dann hatte ich das Glück, die Anleitung von einer lieben Bekannten im Zuge eines Tauschgeschäfts via Ravelry geschenkt zu bekommen.

Seit nunmehr fast zwei Monaten stricke ich dieses Modell aus “Merisa Lace”, einem dünnen Merinogarn von der Wollerey. Mal geht es schneller, mal langsamer, je nach meiner verfügbaren Zeit. Beim letzten Stricktreff vor zehn Tagen hatte ich es dabei, als gerade die Armlöcher an der Reihe waren. Das bot ein spannendes und hochwissenschaftliches Gesprächsthema. In unserer Runde kamen wir nämlich zu dem Schluss, dass ein gewöhnliches Loch auf der Erde, egal ob ein Armloch, ein Loch in der Socke oder eines in anderen Materialien, ziemlich genau das Gegenteil eines Schwarzen Lochs im Universum ist: Schwarze Löcher sind viel Masse mit Leere um sich herum; Löcher auf der Erde hingegen enthalten hauptsächlich relative Leere und haben Masse drumherum. Ein weiteres spannendes Thema dieses Abends war das Katzen-Butterbrot-Paradoxon. Sage da noch jemand, ein Stricktreffen sei ein langweiliges Event für geistig minderbemittelte alte Damen!

Shleeves, mit Beginn des Lochmusters

Aber zurück zu “Shleeves”. Man hat es hier im Laufe der Zeit (und der Reihen) mit sehr vielen Maschen zu tun; und wenn jemand so zählfaul ist wie ich, dann merkt er oder sie nicht, dass da eventuell zwei Maschen zuviel auf den Nadeln sind, aus welchen Gründen auch immer. Deshalb passte die erste Reihe des Lochmusters nicht richtig. Tatsächlich strickte ich sie insgesamt dreimal, weil ich auch beim zweiten Versuch noch nicht auf die Idee kam, dass meine Maschenzahl vielleicht fehlerhaft sein könnte. Nachdem ich das endlich gemerkt hatte, verstaute ich die beiden überzähligen Maschen mittels Zusammenstricken nach den Zunahmen am Reihenanfang und vor den Zunahmen am Reihenende. Außerdem markierte ich vorsichtshalber die einzelnen Rapporte, um nicht wieder aus dem Tritt zu geraten. Bisher helfen meine Vorsichtsmaßnahmen.

Die nächste Ulina

Im September wird im Kollegenkreis wieder einmal ein kleines Mädchen-Baby erwartet. Und natürlich braucht das Kind, wenn es auf den Herbst zugeht, etwas Warmes zum Anziehen. Hier ist also Ulina Nr. 11, sofern ich mich nicht verzählt habe; es könnten auch schon mehr gewesen sein.

Babyjacke Ulina, die vermutlich elfte

Gestrickt aus lauter Resten, insgesamt etwa 175 Gramm: Ein älterer Rest Schoeller “Menuett” (100 % Schurwolle, die Lauflänge müsste bei etwa 330 m auf 100 g liegen) in Dunkelrot, ein nicht ganz so alter Rest Madelinetosh “80/10/10 Fingering” in Farbe Whippoorwill (blassgrün-meliert) und eine kleine Menge Wollmeise Pure in Farbe “Oh Tannenbaum” (dunkelgrün). Es war ein wenig herausfordernd, die Mengen so in halbwegs gleichmäßigen Streifen zu verteilen, dass es reichte und außerdem noch möglichst gut aussah. Vom blassgrünen Garn hatte ich am meisten, deshalb wurden daraus die breiten Streifen. Vom dunklen Grün hätte ich auch ziemlich viel gehabt, aber mir gefiel es als schmaler Trennstreifen am besten. Für die Halsblende war dann leider nicht mehr genügend rotes Garn vorhanden, deshalb strickte ich sie im hellen Grün. Es sieht damit trotzdem gut aus. Die Knöpfe sind ganz schlicht dunkelgrün, damit sie sich sowohl vom Rot als auch vom Blassgrün gut abheben.

Beim Verteilen der Farben und Reste ist es vielleicht hilfreich zu wissen, dass jede Jackenhälfte vom Anschlag an der Körpermitte bis zum Abketten am Ärmel aus 83 Rippen besteht. Bei dieser Version beträgt der Streifen-Rapport 10 Rippen (3 rot, 1 dunkelgrün, 5 hellgrün, 1 dunkelgrün) und endet mit 3 Rippen in Rot. Einen Nachteil bei solchen Streifenmustern möchte ich übrigens nicht unerwähnt lassen: Man hat ziemlich viele Fäden zu vernähen.

Die verstrickte Dienstagsfrage Woche 31/2015

Mangels Einreichung neuer Fragen und passend zum derzeitigen “welcheJahreszeitistdaseigentlich”-Wetter hat das Wollschaf eine Frage aus dem 2010er-Archiv ausgebuddelt:
Welches Wetter animiert Euch am ehesten zum Stricken? Bist Du eher “Regenstricker/in” oder “Sonnenstricker/in” – “Nebelstricker/in” oder “Sonnenuntergangsstricker/in”? Oder ist Dir das Wetter beim Stricken schnurzpiepegal?
Vielen Dank an Maria für die heutige Frage!

Ob ich stricke oder nicht, hängt bei mir nicht vom Wetter ab, sondern von der Zeit und vom Stress, wobei diese Faktoren meistens umgekehrt proportional zusammenhängen. Anders ausgedrückt: Habe ich viel Zeit, dann habe ich meistens wenig Stress. Habe ich wenig Zeit, dann steigt üblicherweise der Stress-Pegel. Finde ich jedoch Zeit zum Stricken, dann baue ich damit Stress ab.

Um aufs Wetter zurückzukommen: Das spielt für mich keine Rolle. Wenn ich die Zeit dafür habe, stricke ich bei jedem Wetter und wurde auch schon an einem heißen Sommertag in einem (natürlich verspäteten) Zug der Deutschen Bahn gefragt, ob es mir mit meinem Strickzeug nicht zu warm wäre. Das war es nicht, denn meistens verstricke ich Naturfasern, und die können eventuellen Handschweiß beim Stricken aufsaugen. Dies ist übrigens ein weiteres Argument dafür, dem fertigen Gestrick vor dem ersten Tragen eine Wäsche zu gönnen.

Da ich voll berufstätig bin und zusätzlich diverse familiäre Verpflichtungen habe, ist meine Zeit sehr begrenzt. Es wäre unpraktisch, meine knappe Strickzeit wegen bestimmter Wetterphänomene noch weiter zu verringern. Dann bliebe oft nämlich gar nichts mehr übrig.

Tuch “Moonwalk”

Vor sechs Tagen erschien der dritte und letzte Anleitungsteil für das Tuch “Moonwalk” von Birgit Freyer. Es ist ein modifiziertes, gebogenes Dreiecktuch, das sich gut um die Schultern legt.

Mit dem ersten Teil der Anleitung hatte ich mich relativ schwer getan, nicht nur, weil er recht umfangreich war, sondern auch, weil ich mir den relativ kurzen Rapport nur schlecht merken konnte. Umso verblüffter war ich, dass mir der zweite Teil und die Abschlussspitze dann so leicht von der Hand gingen. Der Aufbau dieser Musterteile ist so logisch und simpel, dass ich mir die Abfolge gut merken konnte, ohne ständig aufs Diagramm zu schauen. Zusätzlich strickte ich in den letzten Reihen noch ein paar Perlen ein. Da diese in der Anleitung nicht vorgesehen sind, überlegte ich erst eine Weile, wohin sie wohl am besten passen würden, und entschied mich dann für die ausgeprägte Zackenlinie kurz vor dem Abschluss. Hier ist ein Detailbild der Kante; die Perlen (Toho 8/0 Rocailles in Farbe Crystal Gold Lined) erkennt man in der rechten Bildhälfte am besten:

Moonwalk, Spitzenkante

Und zum krönenden Abschluss noch ein Bild vom fertigen Tuch:

Tuch Moonwalk

Gestrickt aus etwa 70 Gramm Posh “Natasha Lace” (50 % Kamel, 50 % Seide, 800 m/100 g) und 10 g TOHO 8/0 Rocailles mit Nadelstärke 4 mm. Das Tuch ist eher klein ausgefallen, die Halskante ist etwa 160 cm lang, und die Höhe beträgt 67 cm. Der Effekt ist trotzdem wunderschön, hauchzart und ätherisch. Die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt. Und die zwei, drei Fehler, die bestimmt irgendwo drin sind, fallen zumindest mir gar nicht mehr auf. 😉

Wollerey-Abo, Lieferung Nr. 2

Bereits vergangenen Mittwoch erhielt ich die Versandbestätigung fürs Wollerey-Abo, und am Donnerstag konnte ich bei DHL nachlesen, dass die Sendung ins Zustellfahrzeug geladen worden sei. Ausgeliefert wurde sie allerdings erst heute, vielleicht wegen des Streiks, vielleicht wegen des Wetters, vielleicht aus anderen Gründen. Egal, ich freue mich trotzdem wie verrückt über diese wunderschönen Stränge:

Wollerey Abo, Lieferung 2

Bei den dicken rostroten Strängen handelt es sich um die Qualität Schura Silk (60 % Schurwolle, 20 % Ramie, 20 % Seide) in Farbe sr003, die kleinen Stränge sind Sedaca (100 % Seide) in sd6185 (maisgelb) und sc6186 (apfelgrün).

Das Wollerey-Abo ist immer eine Überraschung; man weiß nie genau im voraus, was Dagmar für jede Abonnentin individuell färbt. Aber bisher wurde ich noch nie enttäuscht; ihr Farbgefühl ist hervorragend, und sie weiß, was mir steht.

Was draus wird? Mal schauen, vielleicht ein “Kupuri”-Pulli, für den es die Anleitung voraussichtlich ab der kommenden Woche geben wird.

Mondspaziergang – Moonwalk Mystery KAL

Vor zwölf Tagen begann ein Mystery-Knitalong namens “Moonwalk” von Birgit Freyer. Ich stricke recht gern nach ihren Anleitungen; sie enthalten eigentlich immer Diagramme und sind bei aller Knappheit gut nachstrickbar. Selbst trage ich zwar eher wenig Tücher und Spitzenschals, aber man hat damit jederzeit ein schönes, sehr persönliches Geschenk für die verschiedensten Gelegenheiten im Vorrat.

Eigentlich sollte das Tuch aus dem Lacegarn “Findley Dappled” gestrickt werden, aber dann fiel mir ein Rest Posh “Natasha Lace” in die Hand. Diese Qualität ist zwar etwas dünner, schien mir aber von der Menge her perfekt, deshalb disponierte ich um.

Die Anleitung erscheint bzw. erschien in drei Teilen im Abstand von jeweils einer Woche. Der erste Teil umfasst nicht weniger als 86 immer länger werdende Reihen. Das ist eine Menge Arbeit, deshalb war ich auch noch nicht damit fertig, als vergangenen Donnerstag der zweite Teil erschien. Dieser ist mit 16 Reihen erfreulich kurz; ich habe ihn bereits durchgestrickt. Die Anleitung in Diagrammform ist übersichtlich und damit gut nachzuarbeiten. Schwierig bei Birgit Freyers Anleitungen finde ich lediglich, dass man keine Kästchen zählen kann, um beispielsweise die Maschenzahl eines Rapports zu ermitteln. Manche ihrer Symbole umfassen nämlich zwei oder mehr Maschen, sowohl beim Abstricken als auch beim Ergebnis. Da werden aus drei Maschen zwei, oder aus einer einzigen zwei. Die Maschenzahl variiert dadurch in den einzelnen Reihen, obwohl die Anzahl der Symbole pro Rapport gleich bleibt. Das macht die Kontrolle schwieriger.

Tuch Moonwalk

Das Bild zeigt den Mittelbereich des Tuchs, Reihe 102 ist beendet. Da ich auf einer relativ kurzen Nadel stricke, kann man vom Muster nicht viel erkennen. Dafür habe ich (bilde ich mir jedenfalls ein) kürzere Wege beim Stricken, weil ich die Maschen nicht über mehrere Meter schieben muss.

Beim zweiten Teil war der Rapport relativ groß, so dass ich mir dazwischen jeweils Maschenmarkierer hängte (meine geliebten Zahnbürstenmarkierungsringe). Im Diagramm liegen die Rapportwechsel hübsch übereinander; beim Stricken jedoch verschiebt sich der Rapport in jeder Hinreihe um eine Masche nach links oder rechts. Deshalb war ich ständig damit beschäftigt, die Markierer zu verschieben. Das störte meinen Strickfluss ein wenig. Und natürlich erfordert dieses Muster einiges an Konzentration. Im ersten Teil klebte ich bis mindestens zur vierten Wiederholung förmlich am Diagramm; beim zweiten Teil kam ich besser voran. Nun freue ich mich auf übermorgen, wenn der letzte Teil der Anleitung erscheint. Dann kann ich das Tuch in Ruhe fertigstellen.

Strick für festliche Gelegenheiten: Die verstrickte Dienstagsfrage Woche 26/2015

Diese Woche meint das Wollschaf:
Für die meisten ist Selbstgestricktes Alltagskleidung, in der Freizeit getragen oder -je nach Dresscode- auch auf der Arbeit.
Aber ab und zu findet man in Strickzeitschriften auch elegante, festliche Modelle und das eine oder andere gestrickte oder gehäkelte Brautkleid hat das Wollschaf auch schon gesehen.
Kannst Du Dir vorstellen, zu einem formellen oder festlichen Anlaß oder einfach nur abends zum Ausgehen Stricksachen zu tragen?
Besitzt Du besonders schicke, elegante selbstgestrickte Sachen? Zeig mal!

Selbstverständlich eignet sich Strickkleidung für besondere Gelegenheiten, und das nicht erst seit gestern. In den 1980er und 1990er Jahren, zur Blütezeit des Selberstrickens, fand man in vielen Zeitschriften äußerst elegante Kleidungsstücke aus edelsten Garnen wie Seide oder Angora, die mit dem entsprechenden Styling jedem modernen Abendkleid Konkurrenz machen konnten. Man darf dabei natürlich nicht aus den Augen verlieren, dass die damalige Mode vor allem aus Kombinationen bestand und weniger aus einteiligen Kleidern.
Zu den Modellen, die ich seinerzeit anfertigte, gehörten z.B. ein schwarzer Angorapullover mit aufwendiger Stickerei aus Goldlurex oder ein schlichtes kurzes Jäckchen aus reinen Angoragarn, das die perfekte Ergänzung für ein maßgeschneidertes Abendkleid aus zwölf Metern Dupionseide darstellte.
Aktuell geeignet als Ergänzung für festliche Kleidung sind natürlich aufwendige Spitzentücher und -stolen. Manches davon würde ich sogar als ungeeignet für den täglichen Gebrauch ansehen, beispielsweise mein “In Dreams”-Tuch, in das über 4.000 Perlen eingestrickt sind. Mit so einem Tuch lässt sich übrigens auch ein schlichteres Outfit aufwerten.
Etwas skeptisch bin ich bei kompletten gestrickten oder gehäkelten Abend- oder Brautkleidern. Die allermeisten, die ich bislang gesehen habe, wären mir von der Struktur her nicht fein genug. Das ist aber eine rein persönliche Meinung. Es gibt genügend Bräute und auch genügend spezielle Anlässe, bei denen es nicht gar so feingliedrig zugehen muss oder bei denen sogar eine etwas rustikalere Optik erwünscht ist.

Die verstrickte Dienstagsfrage Woche 25/2015

Diese Woche schreibt das Wollschaf:
Wer hat es nicht schon einmal erlebt: Brav eine Maschenprobe gestrickt und das fertige Strickstück passte später doch nicht 🙁
Welche Tipps habt ihr für eine exakte Maschenprobe?
Und an alle, die auf einem großen Stück grundsätzlich lockerer oder fester stricken als bei ihrer Maschenprobe: Wie handhabt ihr diese Abweichungen; was macht ihr, damit es zum Schluß trotzdem passt?

Maschenproben sind quasi ein Hobby von mir. Ich stricke sie gern, und mir fällt es schwer nachzuvollziehen, weshalb so viele Leute keine Maschenproben mögen. Sie sind wie kleine, abgeschlossene Projekte, die man sehr schön zwischendurch einschieben kann, wenn man gerade wenig Zeit hat oder z.B. auf der Busfahrt zur Arbeit nur maximal ein Knäuel Garn mitnehmen möchte.

Viele Strickerinnen lieben kleine Projekte und haben Angst vor großen Teilen, die passen sollen und deshalb eine funktionierende Maschenprobe voraussetzen. Weshalb also nicht die Maschenprobe selbst als Projekt betrachten? Sie ist klein, überschaubar und nützlich und kann zur Not immer noch als Spüllappen fungieren. In einem Unternehmen würde man so etwas übrigens als “Pilotprojekt” deklarieren. 🙂 Und wenn es dabei Probleme gibt, kann man sie relativ risikolos ausmerzen, bevor sie das eigentliche, große Projekt scheitern lassen.

Damit eine Maschenprobe aussagekräftig ist, muss sie groß genug sein. Zwanzig Maschen anschlagen, zehn Reihen stricken und dann so zurechtziehen, dass es irgendwie hinkommt, das reicht höchstens bei sehr dicken Garnen. Es sollten so viele Maschen und Reihen sein, dass man später im mittleren Bereich, ohne Randmaschen, bequem über 10 cm Breite auszählen kann. Bei komplexeren Mustern strickt man zwischen den Randmaschen mindestens einen vollen Mustersatz; zwei sind besser. Bei feinem Gestrick sind das dann eben auch mal 40 Maschen und 60 Reihen oder noch mehr. Aber hinterher hat man beispielsweise einen wunderschönen, exquisiten Spüllappen, das allein sollte doch schon die Mühe wert sein. Die eine Stunde fürs Probestricken ist außerdem nichts im Vergleich mit den vier Wochen, die man an einer Jacke strickt, die dann nicht passt.

Zusätzlich erlaubt so eine Probe, sich mit speziellen Stricktechniken auseinanderzusetzen und z.B. verschiedene Randmaschentechniken zu testen. Wenn sich dann herausstellt, dass sich aus einer Kante nur mühsam die Maschen für die Knopfblende herausstricken lassen, kann man beim “großen” Projekt gleich auf eine bessere Methode umstellen.

Außerdem sollte eine Maschenprobe natürlich gewaschen werden, und zwar genau so, wie man später das fertige große Teil waschen will. Extrem wichtig finde ich das bei Naturfasern. Leinen, Seide und bestimmte Merinoqualitäten können sich in der ersten richtigen Wäsche ganz erstaunlich verändern, sowohl in der Haptik als auch in den Maßen. Üblicherweise fängt das Leben von Selbstgestricktem überhaupt erst nach der ersten Wäsche richtig an. Also sollte man sämtliche Bemaßungen und Berechnungen auf diese Zeit abstimmen. Wer ganz sicher gehen oder nur mal ein bisschen staunen will, strickt zwei gleiche Proben, wäscht nur eine davon und vergleicht dann mal.

Maschenprobenhassern, die auch mit den besten Argumenten nicht zum Probestricken zu bewegen sind, empfehle ich, möglichst immer mit denselben Garnqualitäten zu stricken. Dann kann man nämlich die früheren Projekte als große Maschenproben verwenden. Ich bin zwar keine Maschenprobenhasserin, aber ich messe trotzdem gern fertige Pullover aus, bevor ich Modelle aus dem gleichen Garn nochmals, z.B. in einer anderen Größe, stricke. Auf diese Weise habe ich exzellente, sehr präzise Maschenproben fix und fertig im Vorrat. Unnötig zu betonen, dass das natürlich nur funktioniert, wenn man sein Gestrick nicht umgehend nach Fertigstellung wieder aufribbelt oder in die Tonne tritt, weil es nicht so geworden ist, wie man sich das vorstellte.

Jedes misslungene Modell ist eine reichhaltige, einzigartige Quelle für die Fehleranalyse. Aber aus Fehlern erst einmal möglichst viel zu lernen, bevor man sie entsorgt, ist bei Strickerinnen leider immer noch recht wenig verbreitet.

Optimierte Version

Vor zwei Jahren beteiligte ich mich an dem etwas wahnwitzigen Vorhaben, innerhalb eines Jahres 13 (in Worten: dreizehn) Projekte aus bis dato nicht genutzten Strickbüchern anzufertigen. Dafür gab es auch eigens eine Ravelry-Gruppe, die aber mittlerweile eines natürlichen Todes gestorben ist.

Leider wurde ich mit meinen 13 Projekten doch nicht ganz fertig, weil mich zwischendurch immer wieder der Drang überkam, etwas Ungeplantes anzufangen oder weil sich aktuell Bedarf zeigte, der durch die fein säuberliche Planung nicht gedeckt werden konnte. Merke: Planung bedeutet, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.

Aber ich schweife ab. Eines der Modelle, die ich anlässlich der Projektserie “13aus13” gestrickt hatte, war aus dem Rowan-Magazin Nr. 26 von 1999 die Jacke “Trance” von Kim Hargreaves. Das ist ein schönes, tragbares Modell. Es hat für mich nur einen kleinen Nachteil: Es ist nicht besonders lang, sondern reicht gerade bis über die Taille. Normalerweise trage ich meine Jacken gern ein wenig länger, weil meine Taille leider nicht mehr das ist, was sie vor 30 Jahren mal war. Aber als Strickerin hat man ja die Möglichkeit, solche Details anzupassen. Die erste Jackenversion passt, abgesehen von der Länge, ausgezeichnet; den Schnitt hatte ich seinerzeit bereits in das Programm DesignaKnit übertragen; meine Maschenprobe lag vor; ausreichend Garn der gleichen Qualität hatte ich auch noch im Vorrat. Ich musste also nur in DesignaKnit die Leibteile um 10 cm nach unten verlängern und die Maschen und Reihen vom Programm neu berechnen lassen und konnte dann losstricken beziehungsweise den KG-Schlitten in Marsch setzen.

Da der nicht der schnellste ist und ich ihn grundsätzlich nur unter Aufsicht laufen lasse, dauerte es dann doch mehr als einen Monat, bis die optimierte Zweitversion endlich fertig war. Und dann verging nochmals eine Woche, bevor ich Zeit fand, mein bevorzugtes Knopfgeschäft aufzusuchen. Aber nun ist Trance 2 fertig, wurde auch schon getragen und hat seine Praxistauglichkeit bewiesen.

Jacke in Lang-Version

Modell: “Trance” von Kim Hargreaves, erschienen 1999 im Rowan Magazine 26, Ärmel gegenüber dem Originalschnitt verkürzt um 3 cm, Leibteile verlängert um 10 cm. Verbrauch: Ziemlich genau 450 g (drei Stränge) Wollmeise “Pure” in Farbe We’re Different 47Ag. Einen Strang nahm ich fürs Rückenteil, einen für beide Vorderteile sowie die Knopfblenden und den dritten Strang für die Ärmel. Gestrickt wurde auf Brother KH 965 durchgehend mit Elektrik-Schlitten KG 95 für das Muster mit den Kraus-Streifen.