Mist verstanden

Seit dem vergangenen November werkele ich an der Jacke „Magico“, die ein Mystery-Knit-along von Birgit Freyer war. Vermutlich bin ich die letzte der Gefolgsleute. Aber vor wenigen Tagen, als ich die Maschen des ersten Ärmels abkettete, wähnte ich mich endlich kurz vor dem Ziel.

Gestern nahm ich mir die Zeit, die Projekte der anderen Stricker*innen einmal anzuschauen und stellte fest, dass die Leibteile dort sich von meiner Version wesentlich unterschieden. Eine genauere Prüfung der Anleitung ergab: Beim Aufteilen der Maschen für Ärmel und Leibteil hatte ich die (zugegeben recht spartanische) Skizze grandios fehlinterpretiert. Eigentlich soll man weiterhin beiderseits der vorderen und hinteren Mitte Maschen zunehmen und zum Ausgleich unter der Achsel Maschen zusammenstricken. Ich hingegen hatte sowohl beiderseits der Mitten als auch unter den Achseln Maschen zugenommen und in der Mitte der ursprünglichen Zwischenteile jeweils einen Punkt zum Zusammenstricken festgelegt. Das ergab vier ziemlich unpassende Ausbeulungen.

Zacke an der falschen Stelle

Außerdem reduzierte es die Gesamtweite. Es macht nämlich einen Unterschied, ob eine bestimmte Maschenzahl einigermaßen gerade oder mit vier zusätzlichen Zacken (siehe Streifenverlauf im Bild) verläuft.

Ja, es gehört schon eine gewisse Portion Ignoranz dazu, einen so gravierenden Fehler 35 cm lang nicht wahrzunehmen und sich auch nicht über die seltsame Form zu wundern. Gegen Ende des Leibteils merkte ich, dass die vorgesehenen Dreiecke für die Seiten irgendwie nicht hineinpassen würden. Aber auch da fiel der Groschen bei mir noch nicht; ich „löste“ dieses Problem schlicht, indem ich ohne Zu- und Abnahmen weiterstrickte, was immerhin in einer netten A-Linie resultierte. Erst nach Fertigstellung des ersten Ärmels und kritischer Sichtung der anderen Projekte wurde ich wach. Aber wie repariert man so einen Murks mit möglichst geringem Aufwand?

Mein erster Gedanke war, die Ausbeulungen einfach plattzudämpfen. Aber das hätte nicht die fehlende Weite erbracht. Der zweite war, das Ding in die Tonne zu treten. Aber das brachte ich nicht übers Herz, nachdem ich ein halbes Jahr Lebenszeit hineingesteckt hatte. Also blieb eigentlich nur, das Leibteil zu ribbeln und ab der Ärmelabtrennung neu zu stricken. Dumm nur, dass ich aus dem Teil im Achselbereich ja schon ein paar Maschen für den Ärmel aufgenommen hatte. Was passiert mit aufgenommenen Maschen, denen man die Grundlage entzieht? Das wollte ich gar nicht so genau wissen.

Mit großer Vorsicht und einer dünnen Nadel sammelte ich erst einmal die Schlaufen auf, die ich für die erste Reihe nach dem Abtrennen hielt. Dann ribbelte ich von der unteren Kante bis zu den aufgenommenen Schlaufen zurück. Dass die dünne Nadel dabei in drei verschiedenen Reihen steckte, weil ich mich beim Aufnehmen vertan hatte, war ärgerlich. Aber letztlich gelang es mir, die fraglichen Ärmelmaschen zu retten und auf eine einheitliche Reihe zu kommen. Nun muss ich erneut gut 100 Reihen à 243 Maschen stricken, das sind etwa 25.000 Maschen. Selbst schuld.

2 Gedanken zu „Mist verstanden“

  1. Ohlala, sehr hässlich, wenn man einer eigenen Fehlinterpretation auf den Leim geht.
    Mir ging es auch schon so. Als erfahrene Anwenderin von Nadeln und Garnen denke ich manchmal überheblich: das kann nur so gemeint sein, wie die kleine Michaela sich das denkt, sie hat ja reichhaltige Erfahrung. Und schon stellt sich das Ergebnis ganz anders dar.
    Das passiert im Wesentlichen dann, wenn die Anleitung überbordend ausführlich ist und ich nicht die Geduld habe, jeden Buchstaben zu würdigen.
    Hin und wieder bin ich aber gelernig: Bei komplexeren Anleitungen schreibe ich mir die Anweisungen nochmal in eigener Notation auf. Dabei bin ich gezwungen, alles durchzulesen und zu durchdenken.
    Bis ich wieder mal denke: ist ja trivial, kann nur so und so sein, da brauche ich gar nicht weiter zu überlegen … Tja, und schon ist 60 Reihen weiter unten ein trivialer Fehler passiert, der sich erst nach einem ordentlichen gearbeteten Teil zeigt und korrigiert werden m u s s.

    1. Hei, das mit der eigenen Schreibe ist eine grandiose Idee. Ich z.B. kapituliere normalerweise immer schon nach wenigen Zeilen einer Beschreibung. Danke dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*